Willi-Bleicher-Preis

Journalismuspreis der IG Metall Baden-Württemberg

Jury-Begründung Hörfunk

"In Würde altern, ohne Würde pflegen? - Ausländische Frauen in deutschen Haushalten"
Anna Koktsidou, SWR

Das Altwerden ist hoffentlich jedem von uns vergönnt. Alt werden ist aber nicht nur eine persönliche Erfahrung, vielmehr ist diese Erfahrung direkt davon abhängig, wie das Altwerden gesellschaftlich organisiert und gestaltet wird. Die Reportage von Anna Koktsidou zeigt, dass es damit in Deutschland schlecht bestellt ist und sie fächert in ihrer preiswürdigen Arbeit all die ungelösten Probleme auf, die hierzulande mit dem Altwerden verbunden sind, insbesondere wenn der alte Mensch der Pflege bedarf.

Sie führt uns den verständlichen Wunsch vieler alter Menschen vor Augen, weiter in ihrer gewohnten Umgebung leben zu wollen, selbst wenn intensive Pflege unabdingbar geworden ist. Sie zeigt uns die Probleme der Kinder, die häufig ein schlechtes Gewissen quält, weil sie sich nicht genug um die Eltern kümmern können, weil der Arbeitsmarkt oder persönliche Umstände sie oft hunderte Kilometer vom Wohnort der Eltern weggebracht hat.

Vor allem aber zeigt sie uns die Umstände jener Heerschar der öffentlich unsichtbaren Frauen aus Osteuropa, die die Lücken füllen, die die mangelhafte gesellschaftliche Organisation des Altwerdens offen lässt. Wir kennen nicht einmal ihre genau Zahl: 100.000 bis 150.000, die Bewohnerzahl einer Großstadt lebt unter uns, oft 24 Stunden am Tag mit den Pflegedürftigen zusammen.

Diese Frauen reisen aus Polen, aus Rumänien, aus Bulgarien ein. Eigene Probleme zwingen sie, Arbeit in deutschen Haushalten anzunehmen. Oft müssen sie selbst für pflegebedürftige Männer, Eltern oder andere Verwandte aufzukommen. Sie gehören zu der Sorte Menschen, die hier oft unter sklavenähnlichen Bedingungen ausgebeutet werden und gleichzeitig als "Schmarotzer" unserer Sozialsysteme diffamiert werden.

Frau Koktsidous Feature hilft, diese unsichtbaren Frauen sichtbar zu machen. Sie zeigt deutlich die rechtliche Grauzone auf, in der sich diese Frauen bewegen müssen und weißt deutlich auf die Verantwortung der Politik hin, die diese unhaltbaren Zuständen andauern lässt.

Die Jury zeichnet eine handwerklich hervorragende Arbeit aus, die alle Aspekte des Themas mit einer engagierten und mitfühlenden Haltung verbindet.

Preis 2014

Jury-Begründungen