Willi-Bleicher-Preis

Journalismuspreis der IG Metall Baden-Württemberg

Jury-Begründung Print (1)

"Der Hausmeister und die Landesbank"
Sabine Marquard, STN

Kaum ein Thema hat die Diskussion über Arbeitsbedingungen in Deutschland in den letzten Jahren so geprägt wie das Thema "Leiharbeit". Viele Facetten wurden bereits beschrieben: die Verbreitung von Leiharbeit, ihr Missbrauch und die Selbstverständlichkeit, mit der sie von einigen Unternehmen eingesetzt wird, um Beschäftigungs-Standards zu senken und Löhne zu drücken.

Sabine Marquard bereichert diese Perspektiven um einen weiteren Aspekt: die Grauzone zwischen Werkverträgen und Leiharbeit. Das gelingt ihr konsequent und sehr überzeugend am Beispiel eines bei der LBBW eingesetzten Hausmeisters. Es handelt sich um den 43-jährigen Thomas Homolla. Er war bei der Firma Koch Haustechnik angestellt und von dort zur LBBW entsandt. Eindrücklich schildert Sabine Marquard, wie sein Tätigkeitsbereich bei der LBBW im Laufe der Zeit immer weiter ausgedehnt wurde. Sie lässt ihn zu Wort kommen: "Alles lief ab wie bei einer Leiharbeitsfirma: Ich hatte ein Büro bei der LBBW, habe deren Computer und deren Werkzeug genutzt und meine Arbeitsaufträge von LBBW-Mitarbeitern erhalten. Wenn die Arbeit erledigt war, haben LBBW-Mitarbeiter meine Stundenzettel unterschrieben". Im Vergleich zum LBBW-Stammpersonal hat er aber bis zu 280 Euro im Monat weniger verdient. Das alles ähnelt Praktiken, wie sie aus dem produzierenden Gewerbe und der Industrie bekannt sind.

Aus Sicht des Verdi-Juristen Carsten Scholz spricht vieles dafür, dass es sich hier um "verdeckte Leiharbeit" handelte. Warum verdeckt? Sowohl die LBBW als auch die Firma Koch Haustechnik bestreiten, dass Thomas Homolla in einem Leiharbeits-Beschäftigungsverhältnis stand. Leiharbeit wäre im Fall der Firma Koch Haustechnik auch unzulässig, denn sie verfügte nicht über die dafür notwendige Erlaubnis der Arbeitsagentur. Angeblich, so die Aussage des Unternehmens, handele es sich um einen Dienstleistungsvertrag. Damit gerät Thomas Homolla in die Grauzone zwischen Werkvertrag und Leiharbeit.

Thomas Homolla suchte das Gespräch mit der LBBW. Er wurde abgewiesen. Und die Firma Koch Haustechnik hat ihn inzwischen entlassen. Einen teuren Rechtsstreit kann sich Thomas Homolla nicht leisten. "Homolla hat nicht das Geld, den großen Finanzkonzern herauszufordern", schreibt Sabine Marquard. Obwohl vieles dafür spricht, dass er Recht hat, ist das Recht für ihn doch weit entfernt. Sabine Marquard beschreibt die Lage von Thomas Homolla ausdrucksstark, präzise und klar. Sie bleibt aber nicht bei dem konkreten "Fall" stehen, sondern ordnet ihn ein und legt die Konsequenzen der Grauzone zwischen Werkvertrag und Leiharbeit dar.

Preis 2014

Jury-Begründungen