Willi-Bleicher-Preis

Journalismuspreis der IG Metall Baden-Württemberg

Jury-Begründung Print (2)

"Mitarbeiter stellen Festo auf den Kopf"
Walther Rosenberger, STN

Laut IG Metall nimmt die außertarifliche Beschäftigung in Baden-Württemberg immer mehr zu. In einigen Bereichen, etwa bei Ingenieurdienstleistern, liege der Anteil der ATLer, also der Außertarifler, bereits bei über 25 Prozent. Wenn bislang über dieses Thema berichtet wurde, standen meist die Privilegien der Außertarifler gegenüber den tariflichen Beschäftigten im Mittelpunkt: u.a. Dienstwagen, Firmen-Handys, Boni und Vergünstigungen. Walther Rosenberger erweitert diese Perspektive um einen neuen, bislang vernachlässigten Aspekt: den Preis, den ATLer für solche Privilegien zahlen müssen. Er stellt fest: "Hohe Arbeitszeiten, viel Reisetätigkeit, ständig wechselnde Projekte und permanente Erreichbarkeit mache die Traumjobs nicht selten zum durchwachsenen Geschäft für die Angestellten".

Am Beispiel des Maschinenbauers Festo stellt Walther Rosenberger beide Seiten der außertariflichen Beschäftigung differenziert und präzise gegenüber. Am Stammsitz von Festo in Esslingen seien rund 1.200 der gut 4.000 beschäftigten Mitarbeiter ATLer. Dieser hohe Anteil lasse sich unter anderem auf die internationale Präsenz des Unternehmens zurückführen. Er habe - neben den Privilegien für die ATLer - aber auch Nachteile: "Hinter den Kulissen ist bei Festo von einer Flut an Projekten die Rede, die mache ATLer überfordere. Dazu kommen schwer einzuhaltende Zielvereinbarungen mit den Chefs." Vor allem die Arbeitszeiten waren Gegenstand langwieriger Gespräche zwischen Betriebsrat und Unternehmensleitung, die von Walther Rosenberger nachgezeichnet werden. Er beschreibt eindrucksvoll, wie sich das Unternehmen und die bei ihm beschäftigten ATLer verständigt haben. "Mitte 2013 erklärte sich das Familienunternehmen nach langem Zögern bereit, mehreren Betriebsvereinbarungen ... zuzustimmen".

Der Artikel von Walther Rosenberger ist nach Meinung der Jury ein herausragendes Beispiel für "Constructive News": Er benennt Missstände unverblümt und nüchtern. Und er zeigt, dass es auch anders geht. Ohne zu verschweigen, dass es in 90 Prozent der Betriebe keine Betriebsvereinbarungen gibt, wie sie bei Festo geschlossen wurden. Und ohne zu verschweigen, dass zum Beispiel die IG Metall AT-Beschäftigung grundsätzlich kritisch sieht. In seinem Kommentar zum Artikel schreibt Walther Rosenberger: "Dass die Firma dem angestauten Druck nun nachgibt und speziell das Problem überbordender Arbeitszeiten entschärft, zeugt von Verantwortungsbewusstsein. Im Bereich der außertariflichen Beschäftigung ist Festo damit eine Art Vorreiter. Der Hochtechnologiefirma ist klar, dass sie nur Erfolg haben kann, wenn sie die Mitarbeiter fordert, aber gleichzeitig auch deren Bedürfnisse ernst nimmt." Er stellt aber auch fest: Dies ist "eine Erkenntnis, die bei vielen anderen Unternehmen erst noch reifen muss."

Preis 2014

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